Professionelle Musikausbildung neu denken

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Die Initiative Neue Musikhochschule und ihr Initiator im Portrait


Einleitung

Das akademische System zur Ausbildung klassischer Musiker:innen stammt in seinen Grundzügen aus dem 19. Jahrhundert. Heutige Musikhochschulen sind als Institutionen die Nachfolger von Konservatorien und Akademien, die gegründet wurden, um dem Bedarf nach professionell ausgebildeten Interpret:innen und Pädagog:innen, den das entstehende bürgerliche Musikleben mit sich brachte, zu entsprechen. Mit der zunehmenden Professionalisierung des Musikstudiums ging auch eine Spezialisierung einher: Ausbildungsziele und Studiengänge waren nicht länger an dem Ideal eines vielseitigen Universal-Künstlertums (instrumentales und vokales Musizieren, Dirigieren, Komponieren, Improvisieren, Unterrichten) orientiert, sondern richteten sich auf konkrete Berufsbilder, die jeweils nur einen dieser Schwerpunkte fokussierten.

Im späten 20. und im 21. Jahrhundert gelangen jedoch flexiblere Kompetenzen und Qualifikationen wieder zu größerer Bedeutung. Der Arbeitsmarkt für Musiker:innen wird vom freischaffenden Sektor dominiert, in dem die Protagonist:innen in aller Regel weder für einen einzigen festen Arbeitgeber noch ausschließlich selbständig tätig sind, sondern Einkünfte aus mehreren Quellen und in fachlich und arbeitsrechtlich unterschiedlich strukturierten Beschäftigungen erzielen (sogenannte Patchwork-Existenzen). Musikhochschulen haben zum Teil begonnen, dieser Situation Rechnung zu tragen, indem sie in Career Centern oder mit speziellen Wahlangeboten auf mögliche Berufsperspektiven in der freien Szene eingehen. In den übergeordneten Zielen und Inhalten der Ausbildung dominieren jedoch noch immer längst überkommene Ideale wie Meisterlehre, Genieästhetik und autoritäre Hierarchien, wodurch eine zeitgemäße und realistische Vorbereitung der Absolvent:innen für den sie erwartenden Arbeitsmarkt erschwert wird.

Im Folgenden soll ein Reformkonzept vorgestellt werden, das die akademische Musikausbildung umgestaltet und in maßgeblichen Bereichen neu definiert. Die Initiative Neue Musikhochschule zielt darauf ab, die Rahmenbedingungen und Curricula der Institutionen von Grund auf umzustrukturieren. Der Initiator Hans-Christian Hauser, Dirigent, Pianist, Dozent und Leiter eines Opernfestivals, geht in seinem Ansatz von einer Organisationsform aus, welche die verfestigten Mechanismen der Hochschullehrpläne und Verwaltungsstrukturen hinter sich lässt. Von zentraler Bedeutung für das Konzept ist die Abkehr von hierarchischen Unterschieden im Lehrkörper und in den Vergütungsrichtlinien sowie die Gleichwürdigkeit, Freiheit und Mündigkeit der mit einander interagierenden Lehrenden und Lernenden. In Gegenüberstellung des traditionellen und des neuen Ausbildungsystems, das bisher nur als Vision existiert und in einigen schriftlichen Leitlinien mit Manifest-Charakter umrissen wird, verwendet Hauser zur Beschreibung seiner Kerngedanken das metaphorische Begriffspaar »Aquarell statt Ölgemälde«. Grundlegend ist die Idee der ›Leichtigkeit‹, mit der sich Organisationsstrukturen und die Prinzipien der sozialen Interaktion am Campus beschreiben lassen. Als weitere Perspektive werden die extremen Repertoirebeschränkungen, die kennzeichnend für den aktuellen klassischen Musikbetrieb sind, aufgelöst. Zudem sollen die rigiden traditionellen Prüfungs- und Bewertungssysteme für künstlerische Leistungen und die Auswahlprozesse für eine Studienzulassung durch flexiblere und zeitgemäßere Wege der Demonstration von künstlerischen Voraussetzungen und Lernergebnissen ersetzt werden. In dem folgenden Interview gibt Hans-Christian Hauser genauere Einblicke in die Entstehung des Konzepts und dessen mögliche Realisierung.

 

Interview

Hans-Christian Hauser wurde in Stuttgart geboren, wuchs in Isny im Allgäu auf und wurde an der Hochschule für Musik und Theater München ausgebildet. In seiner dortigen Interpretations- und Liedbegleitungsklasse vermittelte er über Jahre den leidenschaftlichen Ausdruck slawischer und jüdischer Vokalmusik. Er komponiert collagenartige szenische Werke mit jüdischer und chinesischer Thematik, die er im Carl-Orff-Saal im Gasteig München, im Wilhelma-Theater Stuttgart sowie in Beijing selbst inszeniert und dirigiert. Er ist vielseitig in Fremdsprachen und wirkte als Gastdozent in China und Kurdistan. Als künstlerischer Leiter des 1989 gegründeten Isny Opernfestivals, an dem vorrangig Gesangsstudierende teilnehmen, inszeniert er Konzerte und Musiktheaterwerke vor historischer Kulisse in Isny, München und Stuttgart.


Foto: privat

PRO MUSIK MAGAZIN: Wie bist Du dazu gekommen, das traditionelle Musikhochschulsystem in Frage zu stellen und schließlich Ideen für eine Reform und Erneuerung zu entwickeln? Gab es Ereignisse in Deiner Künstlerbiographie, die dazu beigetragen haben?

HAUSER: 1980, im Alter von 18 Jahren, begann ich mein Studium an der Musikhochschule München. Als sensibler junger Student spürte ich von Anfang an, dass die Atmosphäre an der Hochschule stark durch hierarchische Strukturen geprägt ist. Ich empfand dies als eine bleierne Schwere, die auf dem gesamten Ausbildungssystem lag. Diesen Druck, der der Musik wesensfremd ist, fühlte ich über Jahrzehnte – acht Jahre lang als Student und dann als Lehrbeauftragter. Man konnte nicht in einer vollkommenen kreativen Leichtigkeit leben, die für mich selbst und für die Studierenden viel schöner gewesen wäre. Und ich konnte keinen künstlerischen Sinn darin finden, dass das System so schwer auf uns lastet.

PRO MUSIK MAGAZIN: Wie und wann ist die Initiative Neue Musikhochschule entstanden, und welche weiteren Personen waren daran beteiligt? Wie verlief die Zusammenarbeit beim Bündeln der Ideen und Impulse und beim Verfassen der Leitlinien und Visionen des Projekts?

HAUSER: Ich hatte mich zunächst in der Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (BKLM) engagiert. Die Initiative ist entstanden, nachdem mir bewusst geworden war, dass die meisten im Lehrauftrag tätigen Kolleg:innen die Idee eines Ausbildungssystems, das ganz ohne kastenartige Hierarchien im Kollegium auskommt, scheuten oder gar nicht so weit denken wollten – und das, obwohl bei einer Podiumsdiskussion der BKLM im Herbst 2019 das viel progressivere System der schweizerischen Musikhochschulen vorgestellt worden war, das große Attraktivität ausstrahlt. Ich hatte bereits im Jahr 2013 Ideen für ein Konzept ohne unterschiedliche Personalkategorien entwickelt – diese stießen jedoch bei dem größten Teil der politisch engagierten Lehrbeauftragten auf Ablehnung. So wurde mir klar, dass es notwendig wäre, zusammen mit einigen mutigen und innovativen Kolleg:innen eine neue Initiative zu gründen, um diese Ideen voranzubringen. Dies taten wir mit einem Team aus drei Personen im Winter 2020 / 2021. Wir diskutierten gründlich über unsere Ideale und formulierten gemeinsam eine Präambel und zehn Leitlinien für das neue Konzept. Außerdem integrierten wir punktuell einige Ideen von weiteren Kolleg:innen, die mit der Initiative sympathisierten, und von einem Kulturpolitiker. Hilfreich war zudem die Unterstützung eines Fachjuristen, der im Hochschulbereich arbeitet, so dass wir etwa die Bezeichnungen einer neuen Personalkategorie juristisch korrekt formulieren konnten.

PRO MUSIK MAGAZIN: Kannst Du darstellen, welche Aspekte in dem neuen Konzept am wichtigsten sind für die Organisation der Lehre und die Verwaltungsstrukturen einer Musikhochschule?

HAUSER: Ein Kernpunkt der Initiative ist das Ziel, dass die Planung der Ausbildung und die Auswahl der Lehrinhalte gleichberechtigt bei allen Lehrenden liegt. Die bisherigen Personalkategorien sind zu ersetzen durch dem Grundsatz nach einheitlich gestaltete Stellen für künstlerische Mitarbeiter:innen. Die Art, der Umfang und die Dauer der Beschäftigungsvereinbarung sollten gemeinsam und auf Augenhöhe abgestimmt werden, um ein individuell angemessenes Arbeitsumfeld und eine Situation zu schaffen, in der Lehrende und Studierende so effektiv wie möglich agieren können.

PRO MUSIK MAGAZIN: Wie stellst Du Dir die Zusammenarbeit der Lehrenden vor?

HAUSER: Lehrende müssen ja gar nicht so viel zusammenarbeiten. Sie sollten aber gleichberechtigt und frei ihren persönlichen künstlerischen und pädagogischen Begabungen folgen können und nicht durch hierarchische Beschränkungen in ihrer Freiheit des Unterrichtens und des künstlerisch-akademischen Schaffens behindert werden. Eigenständige, projektbezogene Verantwortlichkeiten treten an Stelle der verfestigten hierarchischen Ebenen. Den Aspekt der Freiheit der Kunstausübung und Lehre finde ich am wichtigsten, und dieser wird in dem neuen Konzept viel besser herausgearbeitet als im bisherigen System.

PRO MUSIK MAGAZIN: Welche Auswirkungen ergeben sich für das Lernen der Studierenden?

HAUSER: Sie können viel freier und leichter als bisher zwischen Fächern und Dozent:innen wählen und diese nach persönlicher Neigung kombinieren. Das akademische Machtgefüge der Lehrenden sollte keinen Einfluss auf die Auswahl der Inhalte haben, sondern die verschiedenen Unterrichtsangebote sollten zueinander tendenziell gleich gewichtet sein. Dies betrifft sowohl die Dauer der Belegung als auch die Vergabe von Credit Points. Gleiche Leistungspunkte und flexible Wahlmöglichkeiten für sämtliche Angebote innerhalb von drei Fachbereichen (praktische Fächer, theoretische Fächer und außermusikalische Fächer) schaffen die Basis für eine freie Entwicklung der künstlerischen Persönlichkeit und für jede freischaffende Tätigkeit im Kulturbetrieb. Statt eines verschulten, von vornherein berufszielorientierten Lehrplans fördert das neue Konzept im Sinne eines humanistischen Bildungsideals die eigenveranwortliche Themen- und Zugangswahl, das künstlerische Sich-Erproben und Sich-Finden. Dieser Weg passt besser zu künstlerisch begabten Menschen.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ich kann mir drei verschiedene Wege der Realisierung der Reformen vorstellen: (a) als Pilotprojekt, das an einer Hochschule für eine gewisse Zeit läuft; (b) als teilweise oder vollständige Transformation einer bestehenden Institution; (c) oder als Neugründung einer Institution. Wenn Du die Wahl hättest: Wie würdest Du das Konzept am liebsten zuerst verwirklichen, und wo siehst Du Chancen und Risiken bei den genannten Wegen?

HAUSER: Eigentlich war die Initiative von Anfang an gedacht als vollständige Umgestaltung der bisherigen Institutionen. Als Pilotprojekt ließe es sich vermutlich relativ leicht und schnell realisieren. Dadurch würde aber die grundsätzliche Reformierung des Systems um mindestens ein Jahrzehnt verschoben. Und es stellt sich die Frage, was denn in der Pilothochschule mit den bisherigen Professorinnen und Professoren passieren würde, denn eine solche Personalkategorie gibt es ja im neuen Konzept nicht mehr; eine Neugründung könnte sofort die neuen Strukturen einführen. Diese Neugründung müsste aber finanziell genau so gut ausgestattet werden wie eine traditionelle Hochschule, damit sie ernst genommen wird – und die Institution müsste in einer als attraktiv empfundenen Stadt liegen. Die Reformierung der bisherigen Musikhochschulen dürfte in jedem Fall ein über viele Jahre andauernder Prozess sein, da die amtierenden Professoren ja bis zu ihrer Pensionierung weiterbeschäftigt werden müssen. Dieser Aspekt übrigens wäre eigentlich geeignet, den Professoren die Angst vor einer Umgestaltung des Ausbildungssystems zu nehmen: ihnen wird ja nichts weggenommen. Ein Pilotprojekt bzw. eine einzelne neu gegründete Musikhochschule kann ein attraktiver Leuchtturm sein, der Lust auf mehr macht und vor Augen führt, wie veraltet das bisherige System ist. Um ein neues und modernes Klima der Leichtigkeit und Inspiriertheit in der musikalischen Welt zu schaffen, sollten jedoch wirklich alle bestehenden Musikhochschulen in Deutschland umgestaltet werden.

PRO MUSIK MAGAZIN: Kannst Du den Begriff der ›Leichtigkeit‹, der bereits mehrmals gefallen ist, etwas näher erläutern? Was bedeutet dies für Dich konkret?

HAUSER: Ich liebe dieses Wort. Damit meine ich, dass die Ausbildung freier, offener, schwebender und weniger festgelegt sein sollte als in dem bisherigen System – wenn sich das für manche auch wie eine weltfremde Künstlerphantasie anhören mag. Aber wir sind schließlich Künstlerinnen und Künstler, und die Kunst braucht das. Eine Analogie aus der Musikgeschichte: Der deutsche Komponist Paul Frankenburger schrieb 1933 ein überladenes, mit schweren spätromantischen Harmonien und großer Orchesterbesetzung ausgestattetes Oratorium. Nur zwei Jahre später veränderte sich sein kompositorischer Stil radikal; nachdem er nach Erez Israel, damals noch britisches Mandatsgebiet, emigriert war, nannte er sich Paul Ben-Haim, »Sohn des Lebens«, und schrieb zarte, filigrane, polyphone Gebilde. Die Schwere seines in München komponierten Oratoriums war völlig von ihm abgefallen, er hatte sich als Mensch und als Komponist vollkommen verwandelt. Eine solche vollständige Metamorphose wünschte ich auch dem System der deutschen Musikhochschulen.

PRO MUSIK MAGAZIN: Im Gegensatz zu den meisten Lehrenden, die entweder prekär beschäftigte Lehrbeauftragte, weisungsgebundene Angestellte oder vom bisherigen System profitierende Professor:innen sind, haben Studierende die Möglichkeit, über den AStA oder die Mitwirkung in Gremien aus einer anderen Richtung Einfluss auf die Hochschulentwicklung zu nehmen. Welche Rolle könnten sie bei einem Wandel spielen?

HAUSER: Die Studentinnen und Studenten könnten eine wichtigen Beitrag leisten, wenn sie erfassen, um wie viel schöner die Ausbildung nach einem reformierten Konzept werden würde. Ich vermute aber, dass die meisten von ihnen zunächst einmal mit sich selbst und mit dem bestehenden Studienplan beschäftigt sind und erst längere Erfahrungen mit Ausbildungsinhalten und Lehrenden sammeln müssen, bevor sie Gedanken über eine Reformierung der Strukturen Raum geben können – und dann ist das Studium vielleicht schon vorüber. Die Studenten sind ja genauso im bisherigen System verhaftet wie die Lehrenden, und sie werden von Anfang an daran gewöhnt, hierarchische Strukturen anzuerkennen, sich in ihnen zu bewegen und sie in ihrem Sinne zu nutzen. Deshalb glaube ich, dass die Reform vor allem von den langjährig an Hochschulen Beschäftigten ausgehen muss, die mit einem durch ihre Erfahrungen geschärften Blick die Schwächen des Bisherigen erfassen können.

PRO MUSIK MAGAZIN: Welche Rechtsform könnte eine Institution haben, die das neue Konzept realisiert? Sollte sie wie eine traditionelle Hochschule in das föderale öffentliche Bildungssystem eingegliedert sein, also einem Landesministerium unterstehen, oder sollte sie staatlich getragen werden? Wäre auch eine privatrechtliche Struktur denkbar?

HAUSER: Wie bereits erwähnt ist die Initiative als Reform der bestehenden Hochschullandschaft konzipiert. Es könnten bei der Trägerschaft vielleicht Mischformen geschaffen werden; aber grundsätzlich sollten alle Hochschulen in ähnlicher Weise organisiert sein. Bei einer privatrechtlichen Struktur besteht die Gefahr, dass sie durch spezielle Interessen von Sponsoren eine bestimmte Schlagseite bekommt. Bei einer staatlichen Rechtsform kann die Ausgewogenheit leichter gewährleistet werden. Allerdings neigen staatliche Strukturen zum Bürokratismus und zu einer Festgelegtheit im Kleinen und Großen, der wir eigentlich entkommen möchten.

PRO MUSIK MAGAZIN: Was könnten die nächsten Schritte sein, um die Initiative voranzubringen und bekannter zu machen? Welche Gewichtung sollten kulturpolitische Aktionen, Pflege von Kontakten zu Hochschulen, privates Netzwerken und allgemeine Öffentlichkeitsarbeit erhalten?

HAUSER: Die Initiative kann auf mehrere Weisen vorangebracht werden. Einerseits müssen wir Politiker:innen, die die strukturellen Entscheidungen treffen, für unsere Ideen gewinnen; das ist der wichtigste Schritt. Dann geht es darum, die Ideen in der Öffentlichkeit bekannt zu machen: in der Presse, im Rundfunk, im Internet – kurz: auf allen Plattformen. Das ist der zweite Schritt. Ich bin mir sicher, dass, wenn das neue Konzept eingeführt ist, die dort Lehrenden und Studierenden rasch dessen Vorzüge erfassen werden!

PRO MUSIK MAGAZIN: Vielen Dank für das Gespräch!

 

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