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Portrait: Birger Clausen

PRO MUSIK versucht, als Interessenverband der freischaffenden Musiker:innen in Deutschland einen sehr bunten, interessanten und kreativen Teil unserer Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Nur: wer sind denn alle diese Leute? In loser Folge versuchen wir, euch einige davon näher zu bringen: professionelle Musiker:innen mit ihren Geschichten, Anekdoten, Werdegängen und Ideen. Heute: ein Gespräch mit dem Filmmusikkomponisten Birger Clausen, 50 Jahre, aus Berlin.


Birger und ich kennen uns seit über 30 Jahren und hatten eine Schülerband zusammen. Wir beide haben dann später eine professionelle Laufbahn in der Musikwelt eingeschlagen, aber auch die anderen vier Mitglieder machen noch immer begeistert Musik. Birger und ich haben uns nie ganz aus den Augen verloren, aber beruflich bisher noch nicht miteinander zu tun gehabt. Wir sprechen im Dezember 2022 per Videocall miteinander, und zwar am Ende einer anstrengenden Produktion, die Birger in Polen realisiert hat. Zum Zeitpunkt des Gesprächs durfte er noch nichts Genaues darüber sagen, aber inzwischen ist es offiziell: Birger hat dort die Musik für die neue Serie Sunshine Eyes von Maria von Heland gemacht. Die Serie startet am 15.01.2023 bei Netflix.


Foto: Kaja Weimer

PRO MUSIK MAGAZIN: Hallo Birger, long time no see! Schön, dass Du dabei bist!


BIRGER: Ja, echt ein schönes Wiedersehen! Ich freu mich, dass du an mich gedacht hast.


PRO MUSIK MAGAZIN: Erklär uns doch bitte mal, wo du gerade herkommst. Wir haben ja über einige Tage versucht, uns zu verabreden, aber du warst sehr eingebunden und hattest quasi keine freie Minute, richtig?


BIRGER: Ja, das stimmt. Ich darf hier tatsächlich nocht nichts ganz Konkretes verraten, aber ich habe in Polen an einer neuen Serie gearbeitet, die für einen großen Streamingdienst produziert wird. Die Endphase einer Film- oder Serienproduktion ist meistens sehr intensiv, aber so krass wie diesmal war es bisher eigentlich noch nie …


PRO MUSIK MAGAZIN: Hui, wieso? Was war diesmal anders?


BIRGER: Naja – ich hatte quasi ein Hotelzimmer neben dem eigentlichen Tonstudio, und die Aufgabe war es, Musik quasi »on the fly«, also während der Tonmischung zu komponieren, davon Demo-Aufnahmen zu machen, rüber in die Mischung zu geben, dort auszuprobieren, gegebenfalls nochmals abzuändern, und diese dann direkt auch mit Orchestermusikern vor Ort zu recorden, alles während man nebenan schon weiter an den nächsten Episoden arbeitet. Das war wirklich herausfordernd, echt intensiv. Aber es hat auch unheimlich Spaß gemacht!


PRO MUSIK MAGAZIN: Das klingt krass, und für mich ganz unvorstellbar, dass das überhaupt funktionieren kann!? Da gehört ja schließlich auch jeweils eine Menge Inspiration und Kreativität dazu, so etwas fliegt einem ja nicht einfach zu. Wie funktioniert dieser Prozess denn für gewöhnlich? Ich stelle mir vor, dass du üblicherweise etwas mehr Zeit hast und dich mit der Musik schon länger im Vorfeld beschäftigen kannst, oder?


BIRGER: Ja, auf jeden Fall. Für einen normalen 90-Minüter probiere ich bereits, möglichst früh im Entwicklungsprozess dazu zu kommen, um ein Gespür dafür zu kriegen, welche Atmosphäre, welche Thematik, worum es geht etc. So kann ich mir dann schon früher Gedanken machen über möglicherweise passende Instrumente, die ich benutzen werde, oder mir fallen auch schon erste Motive ein, die ich benutzen kann. Wenn der Film in seiner Entwicklung dann voranschreitet, gehören die ersten musikalischen Elemente, die ich beisteuere, auch für den Regisseur oder die Regisseurin schon quasi zum Film dazu. Das erleichtert die ganze Sache für mich erheblich und führt auch zu einem persönlicheren Touch der Musik im Film.


PRO MUSIK MAGAZIN: Okay, lass uns da vielleicht kurz mal einsteigen, weil das sicher interessant für viele ist: Ich glaube, dass die Vertonung von Filmen, oder auch Dokus und Serien ein Punkt ist, an dem sehr viele Leute, die gern ins Kino gehen, streamen oder fernsehen, auf eine ganz eigene Art mit Musik konfrontiert werden. Das heißt, jeder nimmt hier Musik wahr, vielleicht aber durch die Wirkmächtigkeit der Bilder nicht immer sehr bewusst oder gleich intensiv wie beim ausschließlichen Musikhören. Der Prozess, wie die Musik zum Bild kommt, ist bestimmt vielen ein Rätsel. Wie hört sich denn der Film an, bevor du dazukommst?


BIRGER: Das ist ganz unterschiedlich, und weil ich ja wie gesagt oft schon früh dazukomme, ist da dann eben oft auch noch nichts. Die Dialoge gibt es, eventuell schon Geräusche, auch die originalen Sounds vom Set. Vielleicht ist es interessant zu wissen, dass es in unserer Branche den Begriff »Temp Music« gibt. Das sind temporäre, also quasi vorläufige Musiken, die im Schneideraum von Regisseur oder Regisseurin den Bildern hinzugefügt werden, um schon mal eine Atmosphäre zu setzen und ein ungefähres Gefühl dafür zu bekommen, wie es später werden soll. Teilweise führt das dann aber zu der Situation, dass ich zu einem Film dazukomme und dann gebeten werde, mich mehr oder weniger an dieser »Temp Music« zu orientieren, also meine Ideen daran anzugleichen oder Elemente daraus für meine eigene Musik zu verwenden, zumindest was Instrumentierung oder Motive angeht. Es ist also dann schwer, dieser sogenannten »Temp Love« etwas Eigenes entgegenzusetzen, was manchmal ein bisschen anstrengend werden kann.


PRO MUSIK MAGAZIN: Oh ja, das kenne ich vergleichbar als Studioschlagzeuger auch: Man bekommt oft ein bereits ziemlich gut klingendes Demo angeliefert, und der Auftrag ist dann, echte Drums darauf zu spielen. Und wenn man das dann tut, wird man bei jedem Take mehr dazu gebracht, sich am Programming zu orientieren, bis man letztlich dabei endet, dieses nachzubauen. Auch, wenn die programmierten Drums einfach unspielbar sind, weil zum Beispiel fünf Sachen gleichzeitig erklingen. Eben weil Produzent:in oder Sänger:in sich bereits so sehr an das Demo gewöhnt haben während des Entstehungsprozess des Songs.


BIRGER: Ja, das ist genau das Gleiche wie bei uns …


PRO MUSIK MAGAZIN: Lass uns mal über deinen Werdegang sprechen: Wie wird man denn Filmmusikkomponist? Den ersten Teil habe ich ja teils noch mitbekommen, wir waren beide auf der gleichen Schule und hatten zusammen eine Schülerband. Nach dem Abitur bist du, glaube ich, für ein Lehramtsstudium nach Freiburg gegangen, richtig?


BIRGER: Ja, aber ich glaube, ich war schon als kleines Kind irgendwie sehr musikaffin. Ich hab von meiner Mutter viel Oper, Operette und italienischen Belcanto mitbekommen, das hat sie immer gern gehört. Ich war dann schon in der Grundschule in der Musikklasse, hab auf dem Tisch mit den Fingern so getan, als würde ich Klavier spielen, und hatte mit sieben Jahren Klavierunterricht an der Musikschule. Parallel habe ich mir dann die Sachen, die mich damals eben so fasziniert haben, selber rausgehört. Zum Beispiel Richard Clayderman und so Melodien, die ich im Fernsehen aufgeschnappt habe. Und irgendwann, das war, glaube ich, während wir beide in unserer Schülerband gespielt haben, hatte ich auch so eine Art richtiges Erweckungserlebnis: ich war ja riesiger Beatles-Fan, und mir wurde klar, dass alle diese coolen Songs, die ich so gut fand, tatsächlich von Lennon und McCartney geschrieben worden waren, von zwei Leuten! Ich fand das unglaublich, und weiß noch, wie mich das umgehauen hat. Ich hab ja für unsere Band auch damals schon selber Songs geschrieben, und dieser Riesenoutput an guten Songs – ich finde das bis heute unvorstellbar.

Ja, und nach dem Abi war ich dann zum Studium in Freiburg, genau, und zwar für Musik mit dem Beifach Deutsch – und das Studium dort war richtig gut. Sehr breit angelegt und auf gutem Niveau, wir haben zum Beispiel Chordirigat, Gehörbildung, Orchesterdirigat, auch Kompositionsunterricht bekommen, natürlich Hauptfachunterricht bei einem Klavierprofessor und so weiter. Ich bin in Freiburg auch ständig ins Kino gerannt und hab mir alte Filme angesehen, Vertigo von Alfred Hitchcock zum Beispiel, und mich hat auch da die Musik total fasziniert. Beim Unifußball habe ich dann jemanden getroffen, der Kurzfilme gemacht hat, und ich habe angefangen, diese quasi auf Freundschaftsbasis für ihn zu vertonen. Das hat mir einen Riesenspaß gemacht. Parallel habe ich auch einige Stunden bei einem Professor für Komposition außerhalb der Hochschule genommen, einfach um mich dort weiterzubilden, das hat mich alles sehr interessiert.


PRO MUSIK MAGAZIN: Ich erinnere mich aber auch, dass du doch danach noch in London warst, um dort Filmmusik zu studieren, oder?


BIRGER: Ja, das stimmt, aber vorher gab es noch den »Kontaktstudiengang Popularmusik« an der Musikhochschule in Hamburg, ich glaube, heute heißt der einfach »Popkurs«. Das fand ich auch super, aber da ging es vor allen Dingen um Songwriting, auch um gemeinsames Songwriting in einer Band, und ich hab da gemerkt, dass mich die Form von Strophe-Refrain und dann vielleicht noch einer Bridge doch ziemlich einengt. Das finde ich auch heute das Tolle an der Filmmusik, die Freiheit in der Form. Man ist nicht an klassische Song- oder Orchesterstrukturen gebunden, sondern kann frei entlang des Filmes komponieren. Ich hab dann übrigens nach meinem Lehramtsstudium und den Abschlussprüfungen auch noch ein Praktikum als Lehrer an unserer alten Schule gemacht. Das lief jetzt nicht sooo gut, und danach war mir klar, dass ich sicher nicht mein Leben lang vor Schulklassen Musik unterrichten möchte … (lacht)


PRO MUSIK MAGAZIN: Also ging es auf nach London für dich?


BIRGER: Ja, aber Moment: Vorher habe ich's schon noch in Deutschland probiert und mich an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg beworben. Dort wollte man mich aber nicht haben. Ich hab dann selber Kompositionen geschrieben und diese mit Hilfe eines Freundes, der ein Studio hat und mich da auch sehr unterstützt hat, mit einem Orchester aufgenommen. Und das eine Stück ist auch ziemlich gut geworden, das andere war eher nicht so gelungen. Mit dem gelungenen Stück hab ich mich dann bei der NFTS, der National Film & Television School in Beaconsfield bei London beworben, und die fanden das Stück so gut, dass sie mich eingeladen haben zu ihrem Bewerbungsverfahren. Das war dann sehr fordernd: Man musste vor Ort, innerhalb einer Woche, drei Kurzfilme vertonen, allein. Das hat irre Spaß gemacht, und ich habe mich da auch direkt sehr wohl gefühlt.


PRO MUSIK MAGAZIN: Was war dort so anders, und was hat dich dann getrieben, dort zu bleiben und das durchzuziehen? Ist ja schon eine große Entscheidung, auch finanziell, Umzug nach London, allein ...


BIRGER: Ja, das stimmt, und im Rückblick muss ich sagen, dass mich diese Klarheit der Entscheidung, die ich damals hatte, fast selber wundert! Es gab da für mich einfach keine Frage, das war es, was ich immer machen wollte und musste, ich hatte einfach keine Zweifel daran. Ich habe das Bewerbungsverfahren also bestanden und habe einen der wenigen Plätze an der Schule bekommen. Man wurde dort wirklich ganz anders als im sehr traditionellen Hochschulkontext in Deutschland zu auch eher unkonventionellen Wegen ermuntert und hatte insgesamt eine mehr lockere, selbstironische – halt britische – Art des Miteinanders. Das hat mir supergut gefallen, auch gerade nach den Jahren in Freiburg. »Thinking outside the Box« war dort das Motto, neben dem Handwerk natürlich. Finanziert hab ich mich in der Zeit über einen KfW-Bildungskredit, den ich dann natürlich hinterher auch zurückzahlen musste.


PRO MUSIK MAGAZIN: OK, dann warst du irgendwann dort fertig, hattest die Schulden für die Ausbildung »an der Backe« – und was nun? Hat man in London darauf gewartet, dass du endlich für Blockbuster und Serien Musik schreiben kannst? Oder anders gefragt: Wie gelingt der Berufseinstieg in diesen Bereich?


BIRGER: Tatsächlich war das natürlich überhaupt nicht so (lacht). Meinen ersten richtigen Auftrag habe ich tatsächlich 2007 nach meinem Abschluss von einer Dozentin der NFTS bekommen, die einen Auftrag selber nicht annehmen konnte, weil sie andere Dinge zu tun hatte. Sie erinnerte sich an mich und hat diesen Job dann an mich weitergereicht. Über sie kam es dann auch zu einem bis heute wichtigen Kontakt, nämlich dem zu meiner Agentin. Sie vertritt mich bis heute und übernimmt für mich sämtliche Anmeldungen und Abrechnungen bei den Lizenzierungssgesellschaften. Ein weiterer Meilenstein war dann die Filmmusik für Ihr könnt euch niemals sicher sein. Der Film hat damals den Adolf-Grimme-Preis als bester Fernsehfilm gewonnen, und mit der Regisseurin Nicole Weegmann habe ich danach noch vier weitere Filme gemacht. So etwas schafft Aufmerksamkeit, und ab dem Punkt ist es wie vermutlich überall in der Freiberuflerwelt: Man knüpft immer mehr Kontakte, macht seine Sache ganz gut und das spricht sich dann rum, so dass man für das nächste Projekt empfohlen wird. Eigentlich geht es bis heute auf dieser Basis immer weiter, mit einem immer größer werdenen Netzwerk.


PRO MUSIK MAGAZIN: Inzwischen lebst und arbeitest du in Berlin. Kommst du wirtschaftlich gut zurecht, beziehungsweise ist das Komponieren von Filmmusik lukrativ genug, dass man davon ein gutes Auskommen hat? Oder – bist du am Ende sogar schon reich?


BIRGER: Ja richtig, ich bin dann 2012 aus London nach Berlin gegangen. Es war irgendwie so, dass ich gerne mehr fiktionale Sachen machen wollte und in London fast nur für Dokus angefragt wurde, also war dieser Schritt für mich nur folgerichtig. Und naja: Reich bin ich nicht, aber ich komme schon sehr gut zurecht. Man kann eigentlich sagen: Je länger man das macht, und an je mehr Filmen und Produktionen man beteiligt war, desto mehr rechnet sich das alles. Ich glaube, das wirtschaftlich für mich bisher mit erfolgreichste Projekt war die Vertonung einer Serie, Fatal Attractions, in der es um Besitzer von besonders gefährlichen Haustieren ging. Das war so eine Art permanenter Horrorfilm-Score, aber die Serie ist in zig Länder verkauft worden und hat über Jahre immer wieder Ausstrahlungen gehabt, und davon profitiert man dann schon sehr. Weil es dann auch immer wieder Ausschüttungen gibt, da sind die internationalen Verwertungsgesellschaften wirklich enorm wichtig.


PRO MUSIK MAGAZIN: Birger, das war ein tolles Gespräch und echt sehr interessant! Ich freue mich sehr, dass wir uns so mal wieder begegnet sind. Zum Abschluss frage ich alle Interviewpartner immer, was ein Interessenverband wie PRO MUSIK konkret für dich, in deiner Situation als freiberuflicher Filmkomponist eventuell verbessern könnte – was wäre eine Forderung oder ein Wunsch von dir an einen solchen Verband?


BIRGER: Ich finde euer Engagement für uns Musiker und eure Ziele schon mal super! Ich denke, wir sitzen da auch wirklich in einem Boot, und ich sehe jetzt eher keine Filmmusik-spezifischen Dinge, auf die ich hinweisen müsste. Vielleicht sind wir als Filmkomponisten durch die Tantiemen sogar in einer etwas komfortableren Position als einige andere freie Musiker. Trotzdem ist gerade die Alterssicherung auch für uns ein heikles Thema, und ich finde es sehr gut, dass ihr das auf dem Schirm habt.



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Über den Autor

Marcus Möller studierte Jazz- und Popschlagzeug in Arnhem / NL bei Rene Creemers und Joop van Eerven. Er lebt als freischaffender Schlagzeuger mit seiner Frau, der Jazzsängerin Inga Lühning und zwei Kindern zwischen Köln und Düsseldorf. Momentan ist er der feste Drummer beim erfolgreichen Köln-Musical Himmel & Kölle und arbeitet projektbezogen im Studio und live in den unterschiedlichsten Besetzungen. 2019 erfand er das »Bummklack«, ein tragbares Mini-Schlagzeug, und vertreibt es seither über seinen Online-Shop.


Beim PRO MUSIK Magazin ist er zuständig für die Interviews von Musiker:innen und engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen innerhalb des Verbands.


www.bummklack.com

www.trommelmoeller.de

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