Portrait: Daniela Reimertz

Aktualisiert: 23. Nov.

PRO MUSIK versucht, als Interessenverband der freischaffenden Musiker:innen in Deutschland einen sehr bunten, interessanten und kreativen Teil unserer Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Nur: wer sind denn alle diese Leute? In loser Folge versuchen wir, euch einige davon näher zu bringen: professionelle Musiker:innen mit ihren Geschichten, Anekdoten, Werdegängen und Ideen. Heute: Daniela Reimertz, 42 Jahre alt, Violinistin.

Foto: Marcus Rosseck

PRO MUSIK MAGAZIN: Hallo Daniela, schön, dass Du Zeit hast!

DANIELA: Ja, danke für die Einladung, ich freue mich, dabei zu sein!

PRO MUSIK MAGAZIN: Lass uns einfach direkt einsteigen. Erzähl’ doch unseren Leser:innen vielleicht ein bisschen darüber, wie Du zur Musik gekommen bist und was Dich bewogen hat, das dann beruflich zu machen.

DANIELA: Tja – ich komme aus einem sehr musikalischen Haushalt, schon mein Opa war ein riesiger Musikfan, vor allem Wagner hatte es ihm angetan. Er fuhr zum Beispiel sehr gerne nach Bayreuth zu den Festspielen. Mein Vater war und ist auch ein großer Klassikfan, hat als Berufsmusiker sein Geld aber mit volkstümlicher Musik verdient. Er war sehr erfolgreich mit dem Struwwelpeter-Sextett unterwegs und hatte in den Höchstzeiten etwa 250 Auftritte im Jahr. Die Band war über viele Jahre hinweg Stammgast auf der Wiesn, im »Käferzelt«, und hat auch beim ersten Oktoberfest in São Paulo in Brasilien gespielt.

PRO MUSIK MAGAZIN: Da gibt es ein Oktoberfest?

DANIELA: Ja, genau! Bei uns zu Hause gab es, seit ich denken kann, keine Grenzen in der Musik, ich bin mit den unterschiedlichsten Genres groß geworden. Mit sechs Jahren begann ich, an der Musikschule Klavier zu lernen, mit acht Jahren kam die Violine dazu, der seitdem mein Herz gehört. Ich hatte eine tolle Lehrerin, die mich von Beginn an sehr gefördert hat. Aber auch mein gesamtes Umfeld stand immer hinter mir, so dass ich mich in meiner musikalischen Entwicklung frei entfalten konnte. Zum Ende meiner Schulzeit haben wir mit unserer Familie den landwirtschaftlichen Hof, den meine Großeltern noch intensiv bewirtschafteten, in eine Winzerscheune mit einem Weinlokal verwandelt. So ist dann die Veranstaltungsreihe Wein & Friends entstanden, und auf dieser Bühne fanden seither regelmäßig Konzerte, musikalische Weinproben und Veranstaltungen aller Art statt. Mein Vater betreibt das Anwesen auch heute noch als »singender Winzer«.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ah – also, Winzer war der auch noch?

DANIELA: Ja, und bei diesen Konzertabenden bin ich natürlich auch regelmäßig aufgetreten.

PRO MUSIK MAGAZIN: Da kann man in Deinem Fall ja wirklich davon sprechen, dass Dir die Musik so richtig in die Wiege gelegt worden ist. Wie ging es denn dann weiter? Hast Du noch Violine studiert, oder bist Du direkt professionelle Musikerin geworden?

DANIELA: Nach den ersten sechs Jahren Geigenunterricht bei meiner Lehrerin, der ich wirklich sehr viel zu verdanken habe, wurde ich Gaststudentin am Würzburger Konservatorium, bei Professor Max Speermann. Bei ihm habe ich dann studiert bis zu meinem Konzertexamen 2005.

PRO MUSIK MAGAZIN: Nach allem, was ich weiß, führt ein klassisches Musikstudium aber nicht unbedingt zu einem so bunten Tätigkeitsfeld wie bei Dir, oder? Die meisten Studierenden wurden doch eigentlich für eine feste Anstellung in einem Orchester ausgebildet?

DANIELA: Oh ja, und ich glaube, das ist meist auch bis heute noch so. Man bekommt Instrumentalunterricht und kümmert sich jahrelang darum, möglichst gut sein Instrument zu beherrschen. Niemand sagt einem, was nach dem Examen eigentlich auf einen wartet, es gibt zum Beispiel keinerlei Kurse über Steuerrecht, Versicherungspflichten, oder wie man sich als Musiker:in am Markt positioniert. Es wird an den Hochschulen im Grunde so getan, als würden alle Absolvent:innen später eine feste Anstellung in einem professionellen Rundfunk- oder Symphonieorchester bekommen. Das ist allerdings fern der Realität.

PRO MUSIK MAGAZIN: Bei Dir war es ja zum Beispiel ganz anders, Du hast Dein eigenes Streichquartett ins Leben gerufen und warst auch als Begleitmusikerin für bekannte Interpret:innen unterwegs, richtig?

DANIELA: Ja, genau. Ich hatte das Glück, dass mein Lehrer es schon immer toll fand, dass ich neben dem klassischen Studium meinen eigenen Weg gehe und damit Erfahrungen abseits der Klassik sammle. Somit war es auch kein Problem für ihn, wenn ich beispielsweise auf Tourneen unterwegs war und die eine oder andere Geigenstunde dafür ausfallen musste. Für mich als Studentin war es natürlich toll, neben dem Studium schon mit Tourneebegleitungen Geld zu verdienen. Zunächst war ich hin und wieder mit Marianne & Michael unterwegs, danach habe ich mit Angela Wiedl und Oswald Sattler und einem kleinen Ensemble Kirchenkonzerte gestaltet. Daneben hatte ich aber auch immer meine Privatschüler:innen und hatte so eigentlich immer ein ziemlich gutes Auskommen als Musikerin. 2008 habe ich dann mit meiner Freundin, der Cellistin Birgit Saemann, mein Streichquartett La Finesse gegründet. Mittlerweile sind wir dort etwa 20 Streicherinnen, die eingearbeitet sind in unser Projekt, so dass wir in flexibler Besetzung unterwegs sind.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ja, das kenne ich auch so, aus den verschiedensten Besetzungen, eingearbeitete Vertreter:innen oder Subs, die dann alle jederzeit flexibel einspringen können. Und genau das hat Dir wahrscheinlich auch sehr geholfen, als Du dann Kinder bekommen hast, richtig? Wie war das, wie hat das Dein Berufsleben beeinflusst?

DANIELA: Ja, klar, das Quartett zu organisieren, aus dem Büro von daheim aus, das war natürlich sehr hilfreich. Ich habe 2009 mein erstes Kind bekommen und bin mittlerweile dreifache Mutter. In der Zeit, als die Kinder klein waren, stand ich dann natürlich etwas weniger selbst auf der Bühne und habe mehr im Büro gearbeitet, wobei ich aber durchgehend Engagements in der näheren Umgebung wahrgenommen habe. Ich kann mich an Auftritte erinnern, bei denen ich das Baby dabei hatte und die Oma im Gepäck als Babysitter für die Zeit, in der ich auf der Bühne stand. Das war zwar nicht immer einfach, aber natürlich auch sehr schön, dass ich Familie und Beruf recht gut unter einen Hut bekommen konnte! Mein Mann hat mich dabei auch immer toll unterstützt, wenn es auch für ihn nicht immer einfach war mit mir als Musikerin.

PRO MUSIK MAGAZIN: Wow, das klingt super! Ich glaube, die Geschichten und Berichte von vielen anderen freiberuflichen Musiker:innen in Bezug auf Elternschaft klingen oft eher etwas – sagen wir – desillusioniert. Um so schöner, dass es bei Dir offenbar so harmonisch ablief und Du vor allem schnell weiterarbeiten konntest. Kannst Du uns noch etwas zu deinem gesellschaftlichen Engagement erzählen? Ich habe mitbekommen, dass Du seit Jahren selber große Benefizkonzerte organisierst. Erzähl’ doch mal etwas darüber.

DANIELA: Ja natürlich, sehr gern! Also: angefangen hat das in Schweinfurt vor etwa 20 Jahren, als in Südostasien die große Tsunami-Katastrophe geschah. Zusammen mit zwei befreundeten Sängerinnen hatte ich die Idee, ein Konzert zu geben, um Geld für die Opfer zu sammeln. Über einen Bekannten sind wir dann auf die »Elterninitiative leukämie- und tumorkranker Kinder e. V.« in Würzburg aufmerksam geworden. Wir haben dann ein Konzert organisiert, das diese Kinder in der Region unterstützte. Das Benefizkonzert hat von Beginn an so großen Anklang beim Publikum gefunden, dass wir es dann auch in der Region Aschaffenburg und später noch in Würzburg aufgebaut haben. Mittlerweile konnten wir schon weit über 1 Million Euro an die »Station Regenbogen« der Uniklinik Würzburg spenden.

PRO MUSIK MAGAZIN: Wow, das finde ich unglaublich, was für ein tolles Engagement! Es wird ja oft gesagt, Kunst und Künstler:innen bzw. Musik und Musiker:innen seien wichtig für die Gesellschaft, aber hier bekommt es ja eine wirklich sehr konkrete Form. Daran denkt man natürlich auch nicht sofort, sondern verortet Kunst und Musik gern im irgendwie nebulösen, unkonkreten Freizeitbereich – auf den man aber angeblich auch leicht verzichten kann. Hey – auf das, was ihr da macht, können und konnten seit 15 Jahren wahrscheinlich sehr viele Eltern und Kinder überhaupt nicht verzichten! Und: wer hätte es sonst machen sollen? Toll!

DANIELA: Danke! Ja, es ist immer ein wirklich tolles Ereignis, natürlich auch mit sehr viel Arbeit verbunden, aber die investieren wir sehr gerne.

PRO MUSIK MAGAZIN: Liebe Daniela, das war ein tolles Gespräch, vielen Dank. Zum Abschluss noch in einem oder zwei Sätzen: Was könnte der Verband PRO MUSIK in Deiner konkreten Situation als freiberufliche Musikerin für Dich tun? Was würdest Du Dir wünschen?

DANIELA: Ganz klar: auf uns aufmerksam machen! Im Verlauf der Pandemie haben wir ja gesehen, dass Angestellten und Vollzeitbeschäftigten recht schnell Hilfsangebote gemacht werden konnten, und bei uns Musiker:innen wusste man erstmal gar nicht, wen man da ansprechen soll oder mit wem man es da zu tun hat. Geschweige denn, mit wie vielen! Ich glaube, da kann PRO MUSIK viel erreichen …

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