top of page

Portrait: Hauke Kranz

Aktualisiert: 11. Jan.

PRO MUSIK versucht, als Interessenverband der freischaffenden Musiker:innen in Deutschland einen sehr bunten, interessanten und kreativen Teil unserer Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Nur: wer sind denn alle diese Leute? In loser Folge versuchen wir, euch einige davon näher zu bringen: professionelle Musiker:innen mit ihren Geschichten, Anekdoten, Werdegängen und Ideen. Heute: ein Gespräch mit der Pianistin und Klavierlehrerin Hauke Kranz, 58 Jahre.

Foto: Akka Fotografie

PRO MUSIK MAGAZIN: Hallo Hauke, ich freue mich, Dich hier dabei zu haben! Und direkt zu Anfang: Selbst mir als gebürtiger Nordfriese war nicht klar, dass Hauke auch als weiblicher Vorname funktioniert! Da habe ich doch direkt schon wieder was gelernt … Also, wir kennen uns bisher gar nicht, magst Du Dich vielleicht kurz selber vorstellen? Wo lebst und arbeitest Du, was ist Dein beruflicher Schwerpunkt?

HAUKE: Moin! Ja klar, gerne: Ich lebe in der Nähe von Bremen, verdiene mein Geld hauptsächlich als Klavierlehrerin und habe im Oktober meine dritte Solo-CD mit ausschließlich eigenen Stücken herausgebracht. Hauke Kranz – die Tastenflüsterin, so nenne ich mich, und das ist auch meine eingetragene Marke. Im Moment versuche ich, für meine Release-Tour nächstes Jahr Locations zu finden und Konzerte zu buchen. Das gestaltet sich allerdings wirklich schwieriger als gedacht …

PRO MUSIK MAGAZIN: Oh! Kannst Du sagen, woran das liegt?

HAUKE: Zunächst einmal brauche ich für meine Konzerte einen Flügel, da fallen schon mal viele Veranstaltungsräume weg. Und dann bin ich mit meiner Musik so ein bisschen zwischen den Stühlen: für reine Klassikveranstalter ist es zu wenig klassisch, und für Jazz- oder Pop-Locations ist es zu wenig Pop oder Jazz. Es sind eben »etwas andere Klavierabende«, auch durchaus mit einer »spirituellen Note«. Ich erzähle da auch viel, zu den Stücken, zur Entstehung – das macht mich halt aus. Dazu kommt aber natürlich die immer noch schwierige Situation der Veranstalter und des Publikums, das seit der Coronakrise ausbleibt und einfach nicht wie vorher wiederkommt. Und jetzt noch die direkt anschließende zweite und dritte Krise durch den Krieg und die Inflation … Aber ich gebe nicht auf. Vier Konzerte habe ich schon gebucht.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ja, das hört sich nach so einigen Hürden an, und Du bist auch absolut nicht die Einzige, von der ich momentan Vergleichbares höre. Die CD, die Du aufgenommen hast: gibt es dafür ein Label, übernimmt jemand die Kosten dafür, oder ist es eine reine Eigenproduktion Deinerseits? So etwas ist ja aufwändig und auch durchaus kostenintensiv.

HAUKE: Das ist jetzt meine dritte CD, und ich habe sie komplett selber produziert: Stücke geschrieben, Studio und Toningenieur gesucht, CD pressen lassen – das ist wahnsinnig viel Arbeit, aber ich wollte das unbedingt durchziehen. Erschienen ist sie allerdings auf einem renommierten Label, Timezone Records. Ich habe im Jahr 2018 Anschluss an eine ganz tolle Musikerinnen-Community aus Hamburg unter der Leitung von Imke Machura gefunden. Das Ganze nennt sich Raketerei, ist ein reines Online-Netzwerk, explizit für Frauen, und es geht da um Austausch, Unterstützung, sich gegenseitig zu stärken und das richtige Mindset zu finden, und ganz allgemein um die Sichtbarkeit von Frauen im Musikbusiness. Die ist nämlich leider überhaupt nicht so, wie man sich das wünschen würde. Und in diesem Netzwerk und mit Imkes Hilfe hab’ ich gelernt, dass wir freiberuflichen Musikerinnen kleine Unternehmen sind und auch unternehmerisch denken und handeln sollten. Mit allem, was dazugehört, und all der Verantwortung, die man dabei für sich selber übernimmt. Ich sag’ mal so: auch die Steuererklärung selber zu machen ist ein Teil davon, und auch ein Stück Selbstermächtigung. Man bekommt Stück für Stück mehr Kontrolle über sein Tun und sein professionelles Leben.

PRO MUSIK MAGAZIN: Wow, das klingt total spannend, von diesem Netzwerk habe ich noch nie gehört.

HAUKE: Ja, das war und ist toll und hat mich in den letzten Jahren sehr viel begleitet und unterstützt. Ich habe jetzt für die CD zum Beispiel mit dem Tonmeister Gregor Zielinsky zusammengearbeitet, der in der Vergangenheit bereits einen Grammy für eine Aufnahme mit Leonard Bernstein bekommen hat. So etwas macht mich total stolz, und ohne die Unterstützung aus der Raketerei wäre da manches ganz anders gelaufen.

PRO MUSIK MAGAZIN: Hauke, erzähl uns doch noch ein bisschen über Deinen Werdegang: Wie bist Du zur Musik gekommen, wie, wann und warum fiel die Entscheidung, das auch beruflich zu machen?

HAUKE: Es sah eine Weile gar nicht danach aus, auch wenn mein Vater, der Kirchenmusiker war, das von vornherein immer gerne gesehen hätte. Ich habe schon früh hochkarätigen Musikunterricht bekommen, konnte Klavier und Blockflöte spielen und habe auch schon früh Konzerte gegeben und Wettbewerbe gewonnen. Aber mit 16 Jahren hab’ ich einfach alles hingeworfen und von jetzt auf gleich mit der Konzerttätigkeit aufgehört. Was ich allerdings weiter gemacht habe, war das Unterrichten: Viel Blockflötenunterricht, aber auch Klavierunterricht, das hat mir immer großen Spaß gemacht und fiel mir leicht. Studieren wollte ich das aber nicht, und mein Beruf sollte das zu diesem Zeitpunkt auch nicht sein. Tja, und kurz vor dem Abi hab’ ich mich eben doch für das Studium an der Musikhochschule entschieden und bin dann Instrumentalpädagogin geworden. Ich habe schon, während ich studierte, viel unterrichtet und hatte dann 20 Jahre lang eine halbe Stelle an einer öffentlichen Musikschule, mit einem BAT-Vertrag, so hieß das damals.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ah, das waren diese Verträge für Lehrer:innen an öffentlichen Musikschulen in Festanstellung, die es früher gab, nach dem Bundesangestelltentarif, richtig? Und den hast Du also dann gekündigt?

HAUKE: Ja, mit 40 Jahren, da hat mein Vater geweint … Mit so einem Vertrag geht ja auch ein bisschen Sicherheit einher, zum Beispiel für die Altersvorsorge und sonstige Sozialleistungen.Aber mit mir und der Musikschule ging es einfach nicht mehr weiter, wir hatten total unterschiedliche Auffassungen von so einigen Sachen. Ja, ich hab’ gekündigt und bin seither freiberufliche konzertierende Pianistin, Komponistin und Musiklehrerin, und zwar mit einem ganz klaren Schwerpunkt auf Musikunterricht für Erwachsene. Mein ältester Schüler ist deutlich über 80. Ich habe mich in das Thema auch richtig reingekniet, die Erwachsenen brauchen natürlich etwas anderen Unterricht als Kinder.Mittlerweile macht mir das richtig Spaß, und ich glaube, meine Schüler und Schülerinnen nehmen da auch ein Stück Lebensqualität mit.

PRO MUSIK MAGAZIN: Ja, das klingt gut.Vermutlich hat man da auch viele langjährige Schüler und Schülerinnen. Jetzt mal ganz direkt nachgefragt: Wie geht es Dir heute, mit 58 Jahren, mit Deiner Entscheidung, diese Festanstellung an der Musikschule zu kündigen? Wie steht es um Deine eigene Altersversorgung, wie denkst Du an Deine finanzielle Zukunft und Dein eigenes Älterwerden? Meinst Du, dass Du ausreichend Rente bekommen wirst, oder machst Du Dir da eher Sorgen?

HAUKE: Oh, das ist ein Riesenthema: Altersversorgung! Ich bin natürlich als Freiberuflerin über die Künstlersozialkasse kranken- und rentenversichert. Aber wenn man sein Leben lang immer an der Kleinunternehmergrenze »herumgewurschtelt« hat, hat man nicht viel an Rente zu erwarten. Ich glaube, meine letzte Prognose von der Deutschen Rentenversicherung lag bei etwas unter 1000 € im Monat. Wenn ich das dann noch versteuern muss, davon Miete etc. bezahlen soll – tja, da bleibt fast nichts mehr zum Leben übrig, da macht der Bankberater große Augen. Der wusste auch gar nicht, dass es bei mir so aussieht. Und das geht ganz vielen Leuten so: Die sehen mich als die Künstlerin auf der Bühne, sind ganz begeistert und hin und weg und denken, dass da natürlich auch finanziell alles zum Besten steht. Ist aber nicht so. Ich hab’ allerdings auch nicht vor, mich mit 67 Jahren aufs Sofa zu legen und in Rente zu gehen. Aber das Ganze hat zwei Aspekte: Der Beruf macht natürlich Spaß, und ich würde das gerne so lange machen, wie es geht. Aber wenn man darauf angewiesen ist, weil es finanziell sonst vorne und hinten nicht langt, ist es natürlich überhaupt nicht lustig. So sollte es nicht sein, und ich glaube, so wie mir geht es vielen in unserer Zunft. Wenn man sich einmal die Zahlen von der KSK und den Durchschnittsverdienst der dort versicherten freiberuflichen Künstler:innen ansieht, dann steuern wir eigentlich auf ein riesiges Altersarmutsproblem zu …

PRO MUSIK MAGAZIN: Das klingt doch nach einer ganz klaren Forderung bew. einem Auftrag an PRO MUSIK, sich diesbezüglich zu engagieren, oder? Du bist also ein Mitglied der ersten Stunde und hast Dich direkt gemeldet, als der Aufruf herumging, dass weitere Interviewpartner:innen gesucht werden.

HAUKE: Auf jeden Fall, auf diesem Gebiet muss etwas passieren. Ich hab’ mich auch schon selber, zum Beispiel während der Pandemie, hier vor Ort engagiert, bin zur Presse gegangen und habe versucht, Aufmerksamkeit für die Situation von uns freiberuflichen Künstlern zu bekommen. Das ist auch teilweise gelungen. Aber dass zum Beispiel die Neustarthilfen diesen Sommer einfach so heimlich still und leise beendet wurden, ohne dass es einen Aufschrei gab, zeigt mir, dass wir auf jeden Fall noch mehr schaffen müssen. Schließlich schlittern wir ja gerade direkt in die nächsten Krisen, unsere Situation hat sich wenig geändert, aber die Hilfen fallen jetzt einfach weg, ersatzlos. Von daher: Gut, dass es PRO MUSIK gibt, zusammen erreichen wir auf jeden Fall mehr!

PRO MUSIK MAGAZIN: Liebe Hauke, vielen Dank für das sehr offene, engagierte und nette Gespräch. Alles Gute, auch für Deine Tour und das weitere Booking!

Links zum Interview:

 

Über diesen Artikel diskutieren auf Facebook

 

Über den Autor

Marcus Möller studierte Jazz- und Popschlagzeug in Arnhem / NL bei Rene Creemers und Joop van Eerven. Er lebt als freischaffender Schlagzeuger mit seiner Frau, der Jazzsängerin Inga Lühning und zwei Kindern zwischen Köln und Düsseldorf. Momentan ist er der feste Drummer beim erfolgreichen Köln-Musical Himmel & Kölle und arbeitet projektbezogen im Studio und live in den unterschiedlichsten Besetzungen. 2019 erfand er das »Bummklack«, ein tragbares Mini-Schlagzeug, und vertreibt es seither über seinen Online-Shop.


Beim PRO MUSIK Magazin ist er zuständig für die Interviews von Musiker:innen und engagiert sich in verschiedenen Arbeitsgruppen innerhalb des Verbands.


www.bummklack.com

www.trommelmoeller.de


67 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page