Portrait: Thomas Wille

Aktualisiert: 23. Nov.

PRO MUSIK versucht, als Interessenverband der freischaffenden Musiker:innen in Deutschland einen sehr bunten, interessanten und kreativen Teil unserer Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Nur: wer sind denn alle diese Leute? In loser Folge versuchen wir, euch einige davon näher zu bringen: professionelle Musiker:innen mit ihren Geschichten, Anekdoten, Werdegängen und Ideen. Wir starten mit Thomas Wille, 58 Jahre alt, Bassist.

Foto: Verena Aimee Oefler

PRO MUSIK MAGAZIN: Hallo Thomas, schön, dass Du hier mitmachst!

THOMAS: Ja, danke für die Einladung!

PRO MUSIK MAGAZIN: Erzähl’ uns doch vielleicht zum Anfang etwas über Dich: Wie alt bist Du, wo kommst Du her, was hast Du so gemacht bis jetzt als Musiker?

THOMAS: Also: ich bin 58 Jahre alt, komme ursprünglich aus Neuruppin und bin entsprechend in der DDR groß geworden. Ich war dort in der Musikschule und habe E-Bass und Tuba gelernt. Mit diesen Instrumenten habe ich dort auch im Blasorchester und in der Combo gespielt. Ja, und irgendwie ging es dann immer weiter mit der Musik, bis zu dem Punkt, an dem ich mich im NVA-Orchester wiederfand und schon als junger Mann als professioneller Musiker mein Geld in der DDR verdient habe.

PRO MUSIK MAGAZIN: Du hast also Tuba im Orchester der Nationalen Volksarmee der DDR gespielt?

THOMAS: Ja, genau … Eine richtige eigene Persönlichkeit hatte ich nicht, denn ich wurde als Diktatur-Mitschwimmer erzogen, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Durch den gut gemeinten Einfluss meiner Lehrer und Eltern wurde mir dieser Weg nahegelegt. Musikalisch fand ich das dort auch großartig. Politisch schien es mir aber schon von Anfang an zweifelhaft, was dann auch für mich sehr spürbar wurde: Wegen »Nichtbefolgen meiner Anzeigepflicht« wurde ich von der Stasi verhaftet, verhört und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das war ein sehr einschneidendes und traumatisches Erlebnis für mich. Und da wurde mir sehr klar: nichts wie raus aus diesem System. Danach war ich dann ungefähr zwei Jahre lang als freier Musiker in verschiedenen Gala- und Tanzbands in Ost-Berlin unterwegs. Aber auch das war quasi wie ein sicherer Job, denn wir hatten ohne Ende zu tun – Klasse, ich war diesmal am E-Bass freier Berufsmusiker!

PRO MUSIK MAGAZIN: Puh. Wahnsinn! Wie ging es dann für Dich nach der Wende weiter?

THOMAS: Naja – zum Zeitpunkt des Mauerfalls war ich 25 Jahre alt, und der Mauerfall hat an unserer Jobsituation als Tanzmusiker erst mal gar nichts verändert. Wir haben noch etwa ein Jahr lang einfach so weiter gemacht, die Veranstaltungen waren alle nach wie vor da. Aber mit der Währungsunion ein Jahr später hörte das schlagartig auf, und wir hatten überhaupt gar nichts mehr zu tun. Ich fand mich plötzlich als junger Familienvater in der Situation wieder, in Berlin Pizza ausfahren zu müssen!

PRO MUSIK MAGAZIN: Das war natürlich auch eine krasse Zeit, alles war ja im kompletten Umbruch, der Zusammenbruch der DDR und so weiter … Aber Dich hat es ja dann bald nach Nordrhein-Westfalen, nach Euskirchen verschlagen. Wie kam es denn dazu?

THOMAS: Im ersten Jahr nach dem Mauerfall hat das Große Unterhaltungsorchester der NVA noch gehofft, von der Bundeswehr übernommen zu werden, um weiter Konzerte geben zu können. Dafür hatte man mich als Bassisten gefragt. Aus der erhofften »freundlichen Übernahme« durch die Bundeswehr wurde dann leider nichts, aber aus dieser Connection heraus habe ich dann von der Audition für die Stelle des Bassisten in der Bigband der Bundeswehr in Euskirchen gehört. Ich hab’ mich da beworben, vorgespielt und – bin genommen worden! Ich war also plötzlich der Bassist in der Bigband der Bundeswehr.

PRO MUSIK MAGAZIN: Äh – wie bitte? Das gibt’s doch gar nicht! Von der NVA-Band in die Bundeswehr-Band?

THOMAS (lacht): Ja, das ist wirklich krass. Und wieder das gleiche Schema wie bei der NVA: gut gemeinte Ratschläge der Eltern, wegen des sicheren Jobs. Also hieß es für mich: mit Frau und zwei Kindern Umzug in den äußersten Westen des frisch vereinigten Deutschlands …

PRO MUSIK MAGAZIN: Ich finde, das ist eine unglaubliche Geschichte! Hört sich an wie das Drehbuch für einen Film … Wie lange hast Du dann dort gespielt, und was machst Du heute?

THOMAS: Tja – ich hab’ es auch in der Bigband der Bundeswehr nicht allzu lange ausgehalten. Direkt Anfang der 90er in den tiefen Westen, das war einfach zu krass, ich habe mich da nicht wohlgefühlt. Doch es ist für uns Musiker ja immer ein Drahtseilakt zwischen einer festen Beschäftigung, der Sicherheit einerseits und dem freien Dasein als Sideman oder Sessionmusiker andererseits. Aber dann war ich auch persönlich endlich soweit und habe den Schritt in die unsichere Freiberuflichkeit – und dieses Mal mit Überzeugung – durchgezogen. Jippie! Ich hab’ seitdem immer wieder so viele neue, super Kollegen kennengelernt, und darüber auch immer gut zu tun gehabt. Und das Dasein als freier Musiker bietet natürlich wahnsinnig viel Abwechslung und tolle Gelegenheiten … Von daher: Ich bin für das alles sehr dankbar und muss sagen, dass auch die Entscheidung, bei der Bundeswehr-Bigband zu kündigen, im Rückblick absolut richtig war. Obwohl mich natürlich damals alle gefragt haben, ob ich eigentlich wahnsinnig geworden bin – so einen Job aufzugeben!

PRO MUSIK MAGAZIN: Das klingt alles wirklich nach einer beeindruckenden Karriere mit vielen Höhepunkten und tollen Erlebnissen! Kannst Du uns einen dieser Höhepunkte kurz schildern?

THOMAS: Klar! Abgesehen davon, dass ich in meiner Zeit in vielen Bands und tollen Projekten unterwegs war, habe ich natürlich auch unzählige Künstler begleitet. Zum Beispiel habe ich sehr lange in der Begleitband von Heino gespielt und mache das auch heute noch ab und zu. Heino ist ja sogar heute noch sehr beliebt, aber hey: die Touren in seiner großen Zeit, mit großer Band, alles dufte Typen, Spitzenmusiker, mit Rhythmusgruppe, fünf Bläsern und drei Backgroundsängerinnen … Mann, das waren tolle Zeiten! Darüber hinaus hatten wir auch großartige Reisen, wie beispielsweise Mittelmeer-Kreuzfahrten, wir waren mehrmals in Afrika, Amerika, und ja – tatsächlich auch auf Hawaii.

PRO MUSIK MAGAZIN: Zum Abschluss noch in einem oder zwei Sätzen: Was könnte der Verband PRO MUSIK in Deiner konkreten Situation als freiberuflicher Musiker für Dich tun? Was würdest Du Dir wünschen?

THOMAS: Naja – da man meiner Meinung nach unsere Branche eher unzureichend im Blick hat, erhoffe ich mir, dass sich durch den Verband PRO MUSIK viel mehr Leute auch tiefgründige Gedanken über den Wert der Kultur insgesamt machen …

PRO MUSIK MAGAZIN: Thomas, herzlichen Dank für dieses tolle Gespräch! Danke, dass Du da warst!

THOMAS: Sehr gerne!

 

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